EMPFANGSHALLE zeigt...

Seit 1995 sind Corbinian Böhm und Michael Gruber unter dem Namen EMPFANGSHALLE als Künstlerduo unterwegs. Gemeinsam haben sie sich dem Experiment verschrieben, alltägliche Phänomene aufzuspüren und menschliche Lebensbedingungen bewusst zu gestalten. Dem Eingriff in bestehende Infrastrukturen geht ein intensives Beobachten gesellschaftlicher Zusammenhänge voraus. Was sie selbst als “Publikumspiraterie” bezeichnen, ist, dem künstlerischen Verfahren nach, so etwas wie das gemeinschaftliche Aneignen des Öffentlichen Raumes. Dabei sind Böhm und Gruber in all ihren Interventionen lediglich als Ideenstifter auszumachen, die nur in Erscheinung treten, um einen Dialog anzustoßen. Als Künstlerpersönlichkeiten bleiben sie jedoch unsichtbar im Hintergrund.

Der Öffentliche Raum ist ein Ort des Begegnens, des Austausches und des Widerspruchs zwischen unterschiedlichen Ansprüchen. Der unmittelbare Zugriff auf die Welt des anderen bleibt uns jedoch weitgehend verschlossen. Eben jene „Binnenräume“ sichtbar zu machen, die persönliche „Landkarte“ eines Menschen ins Bewusstsein zu bringen, dieses Ziel hat sich die EMPFANGSHALLE gesetzt. So entstehen im Team Arbeiten, die kontextbezogen und medienübergreifend an Schnittstellen öffentlicher und institutioneller Räume angesiedelt sind. Dabei muss jede noch so vorsichtige Bestimmung eines Genres ob der Komplexität der künstlerischen Arbeit zwangsläufig unvollständig bleiben. Schließlich ist die fotografische oder filmische Dokumentation bloß das statische Endergebnis eines langen, prozesshaften Dialogs.

Die Schmidt Galerie zeigt exemplarisch drei unterschiedliche Arbeiten des Künstlerduos aus München, die als „kulturelle Kostbarkeit“ eine Art Souvenircharakter haben. Corbinian Böhm und Michael Gruber haben in den Brühl Bauten ein Stück Leipziger Architekturgeschichte als Hinterlassenschaft aus den 40er Jahren der DDR für sich entdeckt und sind auf der Karl-Marx-Allee in Berlin auf die skurrilen Stummel der einst pompös gestalteten Strassenlaternen gestoßen. Wie aber kann man sich Dinge aneignen, Erinnerungen festhalten, die für sich so gar nicht in Besitz zu nehmen sind? Böhm und Gruber haben in Leipzig eine winzige Momentaufnahme fotografisch festgehalten und als übergroßes Postkartenmotiv gestaltet. Der marode Charme der Berliner Allee-Lampen hingegen (mitsamt von Geschichten der dort lebenden Anwohner) wird als Holzskulptur in den Ausstellungsraum Eingang finden. Zwei flüchtige Alltagsphänomene, eingefroren in der massentauglichen Form des Souvenirs, erhalten, durch den Vorgang bewußter Bildreflexion, ihre Exklusivität zurück.

Die dritte Arbeit, ein Film, der das Verhalten von Handybenutzern recherchiert und visualisiert, lief unter dem Titel “As if we were alone” in der Kategorie “Mobile City” auf der diesjährigen Ars Electronika in Linz.

Andrea Schmidt, im September 2006

Schmidt Galerie - Max-Beer-Str. 13 - 10119 Berlin, Mitte