LIFESTYLE - individuum.macht.utopie

Das mit dem Begriff Lifestyle ist so eine Sache: er lässt einerseits an das Ziel denken, dem globalen Mainstream zu huldigen und erinnert an standardisierte Lebensentwürfe, wie sie ein Hochglanzmagazin kommuniziert. Andererseits lebt der Lifestyle vom Ziel der Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit. Stil wird nicht einfach so mitgeliefert, sondern ist eine zutiefst persönliche Ausdrucksform, muss gesucht und gemacht werden. Um Gleichförmigkeit zu vermeiden, muss man schon sein Leben in die Hand nehmen und seine Existenz gestalten.

Das Leben gestalten, das kann man auch im Widerstandleisten, in der Suche nach Alternativen und dem Finden von Gleichgesinnten. Dabei zeigt sich, dass der Lifestyle wohl individuell ausgeprägt sein will, aber ohne die Anlehnung an kollektive Vorstellungen nicht auskommt. Dass die menschliche Existenz nicht zwangsläufig in diese verschiedenen, oft sogar gegensätzlichen Realitäten, zerlegt werden muss, zeigt eine Kunst, die sich als ideales Laboratorium für utopische Wirklichkeiten versteht.

So trennt denn auch der 1966 in Bünde/ Westfalen geborene Künstler Jörg Schmidt - mit der Darstellung von Demonstrationszyklen in seinen neusten Bildern - nicht zwischen der Welt des öffentlichen Lebens, der Politik und der privaten Sphäre, dem Rückzug des Einzelnen vor der garstigen Außenwelt. Dabei legt er es nicht etwa darauf an, mit Kunst Politik machen zu wollen. Es gibt nichts zu deuten, kein Zeichen, das Einsicht wecken will. Hier wird kein gängiges Bild von Herrscher und Beherrschten beschworen, und wird auf die szenische Umsetzung der Demontage der Konsumgesellschaft verzichtet. Die Menschenmassen, die sich über die Leinwand schieben, sind in Bewegung geraten. Und man weiß nicht recht, ob die Unschärfen, die aufgelösten Formen im Bild, die Raumdynamik, die da entsteht, tatsächlich Ausdruck von Mobilität ist oder doch eher die Gefühlsebene anspricht, auf der das Widerspenstige einer Protestbewegung organisch präsentiert wird. Auf der Suche nach den Spuren und Überresten sozialer Bewegungen hat Jörg Schmidt in jedem Fall mit der Wahl der künstlerischen Mittel eine einleuchtende Momentaufnahme hinbekommen. Vom Leben in Bewegung, individuellem Lebensentwurf und sozialer Verständigung. Und diese gemalte Irritation eines angehaltenen Augenblicks, funktioniert auch noch als Bild!


Andrea Schmidt, im Januar 2006

Schmidt Galerie - Max-Beer-Str. 13 - 10119 Berlin, Mitte