Kindheitsidyll & alltäglicher Wahnsinn

Was man erinnert, muss man gesehen, gehört, sich vorgestellt und gedacht haben. Oder man kramt in der eigenen Biographie und bahnt sich einen Weg durch das Dickicht persönlicher Erinnerungsbilder. Kein Wunder, wenn man bei der Spurensuche schließlich bei längst vergangenen Kindertagen landet.

Zwei Künstler wählen die kindliche Erlebnis- und Spielwelt zum Thema ihrer Arbeit und verknüpfen in der künstlerischen Umsetzung, heiter und melancholisch zugleich, verschiedene Wahrnehmungsebenen miteinander. Dabei verschmilzt die Authentizität der eigenen Erfahrung mit den Möglichkeiten der Visualisierung zu einer Einheit. Die Bilder der Ausstellung konstruieren Situationen, die der unmittelbare Kontext aneinander bindet und die ausloten, wie sich Inhalte zeichnerisch mit einem Minimum an Informationen transportieren lassen.

Die 1963 in Osnabrück geborene Künstlerin Silke Bartsch wählt für ihre kleinformatigen Digitalcollagen den Kinderblick als Motiv, der eben das als gut und interessant empfindet, was nicht der klassischen Ästhetik entspricht. Als Mutter zweier Kinder setzt sie eine Art „gelebte Synchronerfahrung“ um. Im Sinne einer individuell gestalteten Collage nutzt sie das Potential des technischen Verfahrens, um neben Vertrautem auch das Imaginäre der Kinderwelt darzustellen.

Uli Knörzer, Jahrgang 1975, richtet in seiner Serie „Kinderspiel“ dagegen einen strengen, zuweilen unbarmherzigen Blick auf die Kindheit und ihre Phänomene. Auf seinen Tusche- und Bleistiftzeichnungen sieht man als Ente maskierte Kinder, wohlwollend beäugt von der Elternschaft, durchs Bild hüpfen, sieht sie eher missmutig an Klettergerüsten baumeln und freudlos in aufblasbaren Planschbecken hocken. Sieht Heranwachsende mit Kopfhören im Jugendzimmer lümmeln oder ein Kind im Supermarkt zwischen den Regalen im Einkaufswagen verloren sitzen. Immer auf Augenhöhe mit den dargestellten Protagonisten, wird hier – im Sinne des Ausstellungstitels – nicht nur die Idylle, sondern auch das alltäglich Fremde eines vermeintlichen Kinderparadieses beschwören.

Am Beispiel der in der kommenden Ausstellung gezeigten Arbeiten erübrigt sich die Frage, ob Kunst auf privatsprachliche Individualisierung eingeschworen ist und demnach individuelle Erinnerungsarbeit leistet.

Andrea Schmidt, im Mai 2005

Schmidt Galerie - Max-Beer-Str. 13 - 10119 Berlin, Mitte