manual operation//operation manual - eine gestickte Versuchsanordnung

Was auch immer über Kunst geschrieben wird, das Material und die angewandte Technik finden in der Regel höchstens als Kategorisierungs- oder Echtheitsmerkmal Erwähnung. Dabei wissen wir nur all zu gut, dass in der Kunst, von Concept Art einmal abgesehen, ein Gedanke allein noch kein Kunstwerk ist. Es braucht ein Material, mit dem dieser Gedanke in Form gebracht wird.

Silvia Marzall, und das erst macht die Wortspielerei des englischsprachigen Anteils im Ausstellungstitel verständlich, nutzt das Sticken, jene traditionelle Handwerkstätigkeit, um ihre Themen, die sie aus Gebrauchsanweisungen entlehnt, zu formulieren. Dabei steht ihr ein schier unerschöpflicher Motivschatz zur Verfügung, ein riesiges Konvolut an Fundstücken, technischen Zeichen und Signalen, das sie auf verschiedene Textilien überträgt. Ihre Arbeiten kokettieren nicht mit Hübschkeit oder virtuoser Könnerschaft. Die teilweise mehrfarbigen Stickbilder, mit raschen und heftig gesetzten Stichen ausgeführt, sind keine mustergültigen Illustrationen. Wichtiger als das bloße Abbilden von Motiven sind für sie die Formen, die sie wählt, der freie Umgang mit den Vorstellungen, die sie beim Betrachter auslösen. Entscheidend aber auch der Objektcharakter, der sich durch das Bearbeiten des Gewebes einstellt, das Durchdringen der Oberfläche mit Nadel und Faden, das Sichtbarmachen von Nähten.

Den Sinn für Materialwerte und strukturelle Gliederungen, die Grundlagen also des Plastizierens, sind Silvia Marzall sicher von ihrer Lehrerin, der Künstlerin Christiane Möbius, mit auf den Weg gegeben worden. Und wie diese fügt auch Marzall ihre Werkstücke aus mehreren Bestandteilen zusammen, berücksichtigt die Umgebung und bezieht den Ort der Aus- und Aufstellung mit ein. So gesellt sich zu den Textilarbeiten die Projektion von Farbnegativen, die das Assoziationspotential von Formen und Zeichen in einem zweiten Medium darstellen. Aber auch wenn diverse Modi der Präsentation genutzt werden, geht es dennoch um eine Aussage, die lediglich in verschiedene Aussageweisen aufgebrochen und in unterschiedliche Ansichten und Darstellungsweisen zerlegt ist. Diese Zusammenstellung zum Ensemble erinnert denn auch ein bißchen an das Interaktionsangebot der verstorbenen Künstlerin Anna Oppermann, bei der immer wieder räumliche, verzweigende, umwegige Verfahren und Methoden zum Einsatz kamen, immer aber der vermittelnde Aspekt zwischen den Disziplinen im Vordergrund stand.

Silvia Marzall ist 1980 in Brasilien geboren. Nach einem Studium der Bildenden Kunst an der Universidade de Brasilia hat sie im Jahr 2001 ihre Ausbildung an der Universität der Künste, bei Prof. Christiane Möbius, in Berlin fortgesetzt. In wenigen Wochen wird sie ihre Meisterprüfung absolvieren und damit eine weitere Etappe ihrer künstlerischen Laufbahn beginnen.

Andrea Schmidt, im Dezember 2005

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