„Weltenbasteln“ – ein Künstler erfindet fiktive Orte und schafft seltsame Szenarien

Eines haftet vielen Kunstmachern an: der Händel mit der Utopie. Man wünscht sich, ein Werk zu machen, in dem ALLES drin ist: der Augenblick, das Dauerhafte, Form und Unform, Weite und Konkretion, Sinnliches und Ratio, ein Werk eben, wie das Leben selbst. Der Teufel steckt in der Idee vom sogenannten Schöpferischen: im Suchen, Erfinden, Ausdenken, in der Spekulation mit dem genialen Einfall. Die Fiktion mag dabei helfen, der Zersplitterung der Aspekte, der mangelnden Totalität, beim Kunstmachen zu begegnen. Etwas erfinden, ohne Bezug zur Wirklichkeit, einen Sachverhalt darstellen, wie er sein könnte. Etwas schaffen, dass weder falsch noch richtig ist, sondern bloß eine eventuelle Möglichkeit, eine Idee darstellt.
  
In diesem Sinne macht sich Valentin Magaro, 1972 in Münsterlingen/ Schweiz geboren, auf die Suche. Ihm fallen Dinge auf, die, im Verhältnis zu ihresgleichen, wunderlich und sonderbar, kurios und seltsam sind. Wunderlich ist, worüber wir uns wundern, kurios, was unsere Neugierde weckt, seltsam, was uns selten begegnet. Gleichwohl muss beides zusammenkommen: Das „So-Sein“ der Dinge und die Empfänglichkeit des Künstlers dafür. Bei Magaro scheint das prima zu funktionieren. Was ihm ins Auge springt wird montiert, collagiert und verwandelt. Ein Set an Elementen - die durch Kombination qua Selektion und Mutation die vielgestaltige Welt der künstlerischen Darstellungsformen erzeugen - ist seine schöpferische Quelle. Was heraus kommt ist nicht selten das Abweichende. Mal sind es eigenartige Mischwesen, angesiedelt zwischen Mensch, Tier und Pflanze. Das Übertragen menschlicher Eigenschaften auf unbelebte Gegenstände. Formhybride, zwischen Figurativem und Abstraktion. Ein anderes Mal widmet er sich imaginären Architekturen, einem Schaltplan ähnlich, die akribisch konstruiert und mit technischem know-how "gebaut" werden.

Jetzt könnte man meinen, dass einer, der offensichtlich den Hang zu phantastischen Zukunftsszenarien hat, bei der künstlerischen Umsetzung auf mediale Darstellungen zurückgreift, vielleicht sogar das körperliche Erscheinungsbild digital manipuliert. Valentin Magaro setzt seine Ideen stattdessen ganz klassisch in Malerei, (Tusche-) Zeichnung und Collage um. Und weil er sich dabei so überzeugend als Perfektionist betätigt, seine Kunst irgendwo zwischen Wissenschaft und Technologie verortet, ist der illusionistische Effekt gelungen. So kommt das künstlerische Resultat am Ende ganz ohne Computer und digitale Bildbearbeitung aus.
  
Andrea Schmidt, im Mai 2006

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